11. Oktober 2021

Kommt die Kennzeichnung der Haltungsstufe für Milch? Und was würde das für Milchbauern und Verbraucher bedeuten?

 

Im Rahmen der Initiative Tierwohl wurden 2019, federführend durch den deutschen Lebensmitteleinzelhandel, vier Stufen eingeführt, mit denen die verschiedenen Tierhaltungsformen für die Verbraucher eindeutig unterscheidbar sein sollen. Fleisch der Stufe 1 steht für Stallhaltung, Stufe 2 für Stallhaltung Plus, Stufe 3 für Außenklima und Stufe 4 für Premium. Was heißt das genau – und was könnte das in Zukunft für die Vermarktung von Milch bedeuten? DIALOG MILCH ist den Fragen einmal nachgegangen.

Ursprung: Fleischerzeugung

„Ein Blick, ein Griff: Mehr sollte es nicht brauchen, um am Fleischregal die richtige Entscheidung zu treffen. Wie die Tiere gehalten worden sind, von denen das Fleisch stammt, darüber informiert ab dem 1. April 2019 die einheitliche ‚Haltungsform-Kennzeichnung“‘, heißt es bei der Initiative Tierwohl[1].

Nach dieser Klassifizierung stammt das mit einem roten Label gekennzeichnete Fleisch der Stufe 1 aus einer Haltung, die die gesetzlichen Anforderungen erfüllt. Fleisch aus Stufe 2 geht, mit blauem Label gekennzeichnet, insofern über die gesetzlichen Standards hinaus, als den Tieren Beschäftigungsmaterial angeboten wird und mindestens zehn Prozent mehr Platz im Stall zur Verfügung stehen als vorgeschrieben. Fleisch aus Stufe 3 ist mit orangefarbenen Labels gekennzeichnet; hier haben die Tiere Zugang zu Außenbereichen. Das mit einem grünen Label gekennzeichnete Fleisch der Stufe vier – Premium – stammt von Tieren, deren Haltung die Anforderungen an die europäische Öko-Verordnung und ihre Richtlinien oder entsprechende Mindestanforderungen erfüllt. Sowohl bei Stufe 3 als auch Stufe 4 erfolgt die Fütterung ohne Bestandteile von gentechnisch veränderten Pflanzen.

Ausweitung der Haltungsformkennzeichnung auf Milch?

Nach der entsprechenden Kennzeichnung von Schweine- und Geflügelfleisch ist zukünftig auch eine Kennzeichnung von Rindfleisch sowie Milch und Milchprodukten durch den Handel denkbar. Ein großer Discounter hat kürzlich angekündigt, Frischfleisch bis 2030 nur noch aus den Stufen 3 und 4 vermarkten zu wollen.[2] Vor diesem Hintergrund hat DIALOG MILCH mit Benedikt Langemeyer, Aufsichtsratsmitglied der Deutsches Milchkontor eG, gesprochen und ihn nach seiner Einschätzung gefragt, was das möglicherweise für die Kennzeichnung von Milch, für die Milchbauern und die Verbraucher bedeuten könnte.

DIALOG MILCH: Herr Langemeyer, könnte oder sollte die Haltungsformkennzeichnung wie bei Frischfleisch auch ein Weg sein, um den Verbrauchern auf der Milchtüte Informationen zu der Haltung der Milchkühe zu vermitteln?

Benedikt Langemeyer: Sicher müssen wir transparenter werden und unsere Erfahrungen bzw. die Art und Weise, wie unsere Kühe gehalten werden, stärker kommunizieren. Durch einfaches Einordnen in Haltungsstufen auf der Milchpackung kann der Verbraucher allerdings nicht beurteilen, wie gut es dem Tier in seinem Leben geht bzw. ging.

DIALOG MILCH: Mit welchen Folgen für die Milchbauern wäre bei der Einführung eines solchen Systems gegebenenfalls zu rechnen?

Benedikt Langemeyer: Die auf den Betrieben einzuhaltenden Standards würden schneller angehoben und die Bedingungen für die Produktion insgesamt aufwendiger. Die Bezahlung über den Milchpreis ist aber in der Regel nur so ausgerichtet, dass gerade einmal die Zusatzkosten davon gedeckt werden können. Das bedeutet: Mit einem 400 m² großen Stall, der aktuell für 100 Kühe ausgelegt ist, sind wir in Haltungsstufe 2. Möchten wir mit dem Stall bei gleicher Tierzahl in die Haltungsstufe 3 aufrücken, würde dies einen Anbau erfordern, weil der Stall dafür 500 m² groß sein müsste. Wenn dies nicht möglich wäre, müsste die Tierzahl reduziert werden. Und diese Investitionen – oder Einbußen – für mehr Tierwohl deckt der Milchpreis natürlich nicht ab. Für die Betriebe würde sich deshalb die Frage stellen: Kann bzw. möchte ich die nächste Stufe mitgehen, oder stelle ich die Milchviehhaltung ein? Ein weiteres Problem ist, dass ein großer Teil der Milchprodukte in die Industrie geht oder ins europäische Ausland; hier sind die Anforderungen andere, also werden da die Zusatzleistungen generell nicht bezahlt.

DIALOG MILCH: Würde ein solches System gegebenenfalls auch Auswirkungen auf den Markt für Milchprodukte in Deutschland und damit auf die Verbraucher haben?

Benedikt Langemeyer: Ja, wenn ein solches System fair gestaltet werden sollte, müssten dafür Milchprodukte teurer werden; die Verbraucher müssten die Mehrleistungen und die höheren Aufwendungen der Landwirte auch über den Preis der Milchprodukte honorieren, d. h. ein höherer Erlös müsste tatsächlich an die Landwirte gehen und nicht beim Handel verbleiben.

DIALOG MILCH: Herr Langemeyer, vielen Dank für Ihre Einschätzung!

[1] https://initiative-tierwohl.de/2019/02/08/unkompliziert-einheitlich-nachvollziehbar/

[2] https://www.aldi-sued.de/de/nachhaltigkeit/lieferkette/produktionsstandards/tierwohl/haltungswechsel.html?pk_campaign=ALDIS%C3%9CDTierwohlGenerischPhrase&pk_kwd=aldi%20fleisch