15. August 2019

Stichwort „Billig-Bio“: Von der Nische in den Mainstream?

Bio-Vollmilch

„Bio liegt im Trend“ – das liest und hört man nahezu täglich in den Medien. Längst gibt es auch günstige Bio-Ware in Supermärkten und Discountern. Aber wer zahlt den Preis für den Boom?“ Tatsächlich stellt sich die Frage: Profitieren alle Beteiligten der „Bio-Kette“ – von den Erzeugern über Verarbeiter und Handel bis hin zum Verbraucher – von dem Boom und „Billig-Bio“? Oder gibt es auch Verlierer, vor allem wenn sich die bisherige Nische weiter zu einem Massensegment entwickelt?

Bio – was ist was?

Die Begriffe ökologischer und biologischer Landbau werden i.d.R. synonym verwendet.

Das EU-Bio-Logo ist seit dem 1. Juli 2010 verbindlich. Es gilt für alle vorverpackten, ökologisch erzeugten Lebensmittel, die in einem EU-Mitgliedsstaat hergestellt werden und die Vorgaben der EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau erfüllen, seit dem 1. Juli 2012 uneingeschränkt.

Bio-Lebensmittel sind Lebensmittel aus ökologischer Produktion. In Deutschland wurde 2001 das staatlich kontrollierte Bio-Siegel eingeführt, mit dem ausschließlich solche Produkte gekennzeichnet werden dürfen, die nach der EG-Öko-Verordnung hergestellt wurden. Das deutsche Bio-Siegel kann zusätzlich zu dem EU-Bio-Logo genutzt werden.

Bio-Milch ist Milch von ökologisch/biologisch gehaltenen Milchkühen, die zum Beispiel nur ökologisch erzeugtes Futter erhalten dürfen.

Bioland-Betriebe wirtschaften nach Richtlinien, die zum Teil über die gesetzlichen Mindeststandards für Bio-Lebensmittel hinausgehen.

Der Verband Demeter gibt mit der Biodynamischen Wirtschaftsweise nochmals strengere Vorgaben.

Wolfgang Kern,
Biolandwirt aus Wipperfürth

DIALOG MILCH hat Wolfgang Kern gefragt, wie er als Biolandwirt die Entwicklung am Markt einschätzt. Er hat seinen Milchviehbetrieb in Wipperfürth, NRW, vor über 20 Jahren auf Bioland-Erzeugung umgestellt. Die Schwerpunkte des Familienbetriebs liegen heute in der Rinderzucht und der Milchproduktion.

DIALOG MILCH: Herr Kern, wie sehen Sie die aktuelle Situation am Bio-Markt und das Phänomen „Billig-Bio“?

Wolfgang Kern: Ich schätze die aktuelle Situation am Bio-Markt gut ein. Bei der Vermarktung unserer Milch hatten wir zunächst nach der Milchkrise vor drei Jahren die Sorge, dass der Preis unter Druck gerät, da immer mehr Betriebe auf ökologische Erzeugung/Bio-Milch umstellten. Diese Sorge hat sich jedoch zum Glück nicht bewahrheitet. Generell ist der Milchpreis in den vergangenen Jahren recht gut und stabil geblieben, obwohl die Bio-Milchproduktion in Deutschland rapide gestiegen ist. Auch spüren wir als Erzeuger bisher vom „Billig-Bio“ nicht viel. Obwohl unsere Produkte auch beim Discounter vermarktet werden, sind die Erzeugerpreise stabil geblieben.

DIALOG MILCH: Sehen Sie Ihre Existenz in dem früheren Nischenmarkt Bio langfristig in Gefahr?

Wolfgang Kern: Nein, da die Bio-Milchverarbeitung in den vergangenen Jahren stetig gestiegen ist, und gerade der Absatz von Produkten wie Bio-Käse, -Joghurt, -Quark und -Trinkmilch durchschnittlich um ungefähr zehn Prozent gestiegen ist, sehe ich keine Existenzgefahr unsererseits. Ich glaube sogar vielmehr, dass das Bewusstsein in der Bevölkerung für qualitativ hochwertige und regionale Produkte in den folgenden Jahren noch weiter steigen wird – und damit auch der Absatz unserer Produkte garantiert ist.

DIALOG MILCH: Wie sieht Ihre Strategie dafür aus, faire und kostendeckende Erzeugerpreise zu erzielen?

Wolfgang Kern: Wir setzen auf hochwertiges Futter und eine strukturierte Betriebsorganisation. Wir produzieren die Grassilage für unsere Kühe selbst und achten hier auf bestmögliche Qualität. Natürlich behalten wir auch immer die Bio-Milchpreise unserer Molkerei im Blick, um früh genug reagieren zu können.

DIALOG MILCH: Was würden Sie sich von den Molkereien und der Politik wünschen, um den Bio-Markt zu festigen und ein nachfrageorientiertes Wachstum zu ermöglichen?

Wolfgang Kern: Da unsere Zusammenarbeit mit den Molkereien in den vergangenen Jahren wirklich zufriedenstellend war, wünsche ich mir natürlich weiterhin eine gute Kooperation sowie stabile und für uns kostendeckende Erlöse. Bei agrarpolitischen Entscheidungen sollte die Bio-Wirtschaft als oberstes Ziel stehen. Damit möchte ich sagen, dass nicht alle Landwirte gleichgesetzt werden sollten und Biolandwirte nur eine minimale Zusatzzahlung erhalten, sondern eine Staffelzahlung beginnend beim ökologischen Landwirt bis hin zum konventionellen Landwirt eingeführt wird. Hier könnte ich mir ein Punktesystem, wie kürzlich bei der Fleischproduktion eingeführt, vorstellen.

DIALOG MILCH: Was wünschen Sie sich von Einzelhandel und Verbrauchern?

Wolfgang Kern: Verbraucher: Der Einzelhandel suggeriert den Verbrauchern meiner Meinung nach häufig den Zusammenhang zwischen hochpreisigen Produkten und einer besseren Produktionsweise bzw. höheren Qualität. Dies nehmen die Kunden an und denken, dass sie beim Kauf teurerer konventioneller Milch einen positiven Beitrag für nachhaltige Betriebe leisten. Stattdessen sollten die Verbraucher besser Bio-Milch kaufen, weil hier die Produktion auch nachweislich nachhaltig und qualitativ hochwertig ist. So wünsche ich mir von den Verbrauchern mehr Bewusstsein beim Einkauf.

DIALOG MILCH: Vor dem Hintergrund von Wunsch und Realität: Wo sehen Sie den Bio-Markt in Deutschland mittel- bis langfristig?

Wolfgang Kern: Ich denke, dass der Bio-Markt auf Dauer weiterhin deutlich steigen wird aufgrund der zunehmenden Nachfrage durch den Verbraucher nach Bio-Produkten, aber auch aufgrund der immer strengeren Auflagen zu einer nachhaltigeren Produktion. Die Voraussetzungen für eine Umstellung auf ökologische Erzeugung/Bio-Milch im Milchviehbereich sind gar nicht so kompliziert, wie man meinen könnte; und die Umstellung hat sich bisher für fast alle gelohnt.

DIALOG MILCH: Herr Kern, vielen Dank für Ihre offenen Antworten!

Auch das Handelsunternehmen Lidl, das seit Herbst 2018 Bioland-Produkte im Sortiment führt, hat für DIALOG MILCH die Sicht des Unternehmens auf die Marktentwicklung bei Bio-Produkten zusammengefasst sowie Herausforderungen und Strategien in einem kurzen Statement erläutert.

„Das Segment der Bio-Produkte ist für Lidl Deutschland ein strategisch wichtiges Thema, das wir schon seit langer Zeit intensiv vorantreiben. Bereits 2006 haben wir bundesweit damit begonnen, Produkte in unterschiedlichen Warenbereichen aus kontrolliert biologischem Anbau im Sortiment zu führen. Seit Oktober 2018 kooperieren wir mit Bioland, dem führenden Verband für ökologischen Landbau in Deutschland und Südtirol, und ermöglichen mit einem erweiterten Bioland-Angebot Millionen von Verbrauchern den Zugang zu hochwertigen, heimischen Bio-Produkten. Damit erfüllen wir unseren Kunden gegenüber ein weiteres Qualitätsversprechen, ergänzen ideal unser Sortiment und können gleichzeitig auch neue Zielgruppen ansprechen.“

Welche weitere Entwicklung bei Bio-Produkten wird im Hinblick auf Sortimentsentwicklung und Anteile erwartet?

„Wo es möglich ist, wollen wir weitere Bio-Produkte auf den hohen Bioland-Standard heben. Für den Bereich der Molkereiprodukte konnten wir diese Umstellung bereits nahezu abschließen. Im Bereich Obst und Gemüse sowie in weiteren Sortimentsbereichen setzen wir unser Engagement fort. Da der Bioland-Standard nur in Deutschland und Südtirol erzeugt und hergestellt wird, werden wir aber auch weiterhin Bio-Produkte wie etwa Bananen oder Ahornsirup mit dem EU-Biosiegel im Sortiment haben.

Insgesamt wollen wir den Umsatzanteil im Bio-Segment in den nächsten Jahren deutlich erhöhen. Dies erfolgt auch im Einklang mit dem Ziel der Bundesregierung, die Fläche für ökologische Landwirtschaft bis zum Jahr 2030 auf mindestens 20 Prozent zu erhöhen.“

Wo kommen Ihre Bio-Milchprodukte her?

„Unsere Milch beziehen wir nahezu vollständig aus Deutschland und in ca. 500 unserer Filialen haben wir mit Weidemilch die konventionelle Frischmilch ersetzt. Für unsere Bioland-Molkereiprodukte beziehen wir unsere Milch komplett aus Deutschland.“

Welche Strategie verfolgt Lidl, um das Bio-Segment weiter auszubauen und zu stärken?

„Durch die sukzessive Erweiterung des Bioland-Sortiments bieten wir Landwirten neue und dauerhaft sichere Absatzmöglichkeiten und die Chance, ihren Betrieb zukunftsfähig auf den ökologischen Landbau umzustellen und nach den strengen Bioland-Richtlinien zu wirtschaften. Dabei ist es uns wichtig, den Mehraufwand der Produzenten und Hersteller durch faire Einkaufspreise zu honorieren, sodass alle an der Lieferkette Beteiligten ein ausreichendes Auskommen für ihren Betrieb erzielen können.

Auch die verbindliche Etablierung eines belastbaren Mindeststandards für die Produktion konventioneller Milch ist für uns ein wichtiges Anliegen, das wir gemeinsam mit der Branche zeitnah zu einem Abschluss bringen wollen.“

Josef Assheuer,
Landwirtschaftskammer NRW

Bio oder konventionell? Auf diese Frage lassen sich viele Antworten geben, deren Spannbreite von ethischen Vorstellungen bis hin zu rein wirtschaftlichen Aspekten reichen. DIALOG MILCH hat mit Josef Assheuer von der Landwirtschaftskammer NRW gesprochen und wollte wissen, wie er die Marktchancen für biologisch erzeugte Milchprodukte aus ökonomischer Sicht einschätzt.

Glaubt man den Umfragen, werden Bio-Produkte nahezu alternativlos. Bio boomt. Das liegt auch daran, dass Bio-Produkte längst erschwinglich für jedermann sind. Bio-Vollmilch für 1 Euro ist keine Seltenheit mehr. Können Bio-Landwirte zu diesem Preis eigentlich kostendeckend arbeiten?

Für die Wirtschaftlichkeit der Milcherzeugung ist nicht der Ladenpreis, sondern der Auszahlungspreis ab Hof entscheidend. Dass ein Dumpingpreis von 1 Euro aber nicht ausreicht, um nach Abzug von Handels- und Verarbeitungsspanne die Produktionskosten der Bio-Betriebe von zum Teil deutlich über 65 Cent zu decken, liegt auf der Hand.

Wie beurteilen Sie die Möglichkeit für umstellungswillige Milchviehhalter, neue Lieferverträge für Bio-Milch mit den Molkereien abschließen zu können? Gibt es genügend Nachfrage nach Biomilch, sodass weitere Betriebe umstellen können?

Derzeit gibt es kaum Möglichkeiten, auf Biomilcherzeugung bzw. –vermarktung umzustellen. Es ist mir aber wichtig, darauf hinzuweisen, dass Biomilch nicht als betriebswirtschaftlicher Selbstläufer betrachtet werden darf. Auf den ersten Blick erscheint die Biomilcherzeugung tatsächlich lukrativer. Bei genauerem Hinsehen stellt man aber fest, dass dies vorrangig in Bezug auf die erzeugte Einheit, also je kg Milch bzw. je Kuh gilt. Berücksichtigt man, dass Biobetriebe in der Regel aufgrund des erhöhten Platz-, Flächen-und Arbeitszeitbedarfs einen zum Teil deutlich geringeren Produktionsumfang haben, ist es um die Gesamtwirtschaftlichkeit nicht automatisch besser als in konventionellen Betrieben bestellt. Entscheidend sind die Produktionsbedingungen im Einzelbetrieb.

Wie wichtig ist ein Nebeneinander von biologischer und konventioneller Erzeugung?

Für Milcherzeuger ist das Nebeneinander von konventioneller und biologischer Erzeugung so selbstverständlich wie die Vielzahl von Milchprodukten im Kühlregal. Relativ neu ist, dass die Grenzen zwischen beiden Segmenten immer mehr verwischen. So machen eine zunehmende Zahl von Vermarktungsprogrammen wie GVO-freie Milch oder Weidemilch eine Differenzierung immer schwieriger, ohne dass der Absatz oder die Wertschöpfung signifikant gesteigert werden konnten. Wichtig ist, dass die Milchbranche insgesamt auf ein sich änderndes Nachfrageverhalten flexibel und zügig reagiert. Dabei brauchen konventionelle und Biomilcherzeuger vergleichbare Rahmenbedingungen, denn sie stehen im Wettbewerb um die gleichen knappen Produktionsfaktoren.

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